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IPPNW

Fukushima-Newsletter vom 11.8.2012

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde,

anlässlich der Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an den Atombombenabwurf auf Hiroshima hat der japanische Regierungschef Yoshihiko Noda erklärt, er werde sein Kabinett anweisen, Szenarien für einen Atomausstieg Japans zu prüfen. Seit er das Anfahren von zwei seit der Fukushima-Katastrophe stillgelegten Atomkraftwerken genehmigt hat, demonstrieren jeden Freitag Zehntausende Bürger. Ende Juli konstituierte sich die Midori no To, die Grüne Partei. Es tut sich etwas in Japan. Eine spannende Zeit also für eine zwölfköpfige IPPNW-Delegation zum IPPNW-Weltkongress nach Hiroshima zu fahren.

Mit freundlichen Grüßen

Angelika Wilmen

Gesundheitliche Auswirkungen der Atomkatastrophe von Fukushima

Japanische Mütter demonstrieren gegen Atomenergie.

Zum 20. IPPNW-Weltkongress vom 24.-26. August 2012 in Hiroshima werden zwölf IPPNW-Ärztinnen und -Ärzte aus Deutschland nach Japan reisen und sich dort auch über die gesundheitliche Situation der Bevölkerung in der Präfektur Fukushima informieren. Bis heute gibt es noch keine epidemiologische Studie über die Gesundheitskonsequenzen des Super-GAU in Nordost-Japan. Die Studie der WHO zum Ausmaß der Strahlenexposition vom Mai dieses Jahres blieb hinter den Erwartungen der Wissenschaft zurück: Nach Ansicht der deutschen IPPNW-Sektion ist die Auswahl der Lebensmittelproben im Bericht fragwürdig, da sich die zitierten Strahlenwerte signifikant von denen des japanischen Wissenschaftsministeriums unterscheiden. Dies führe zu einer selektiven Unterschätzung der inneren Strahlenexposition. Auch die Schätzungen der Strahlenemissionen aus dem havarierten Kraftwerk lägen deutlich unterhalb der Werte, die von unabhängigen Forschungsinstitutionen und TEPCO selbst angegeben werden.  mehr

Dosismessungen der Katastrophenhelfer wurden manipuliert

Tepco-Arbeiter vor einem havarierten Reaktor von Fukushima Dai-ichi. Foto: Tepco

Im havarierten Atomkraftwerk von Fukushima Dai-ichi eingesetzte Arbeiter wurden Anfang Dezember 2011 angewiesen, ihre Dosimeter mit einer Bleiabschirmung zu versehen. Das meldete die japanische Tageszeitung Asahi Shimbun am 21. Juli 2012. Damit sollte die ermittelte Dosis kleiner gehalten werden, als sie tatsächlich war, um die Arbeiter länger in dem verstrahlten Kraftwerk einsetzen zu können. Mehrere Arbeiter des dort aktiven Subunternehmens "Build Up" gaben in einem Interview mit der Zeitung zu, solche Abschirmungen getragen zu haben. Drei Arbeiter weigerten sich, die Abschirmungen für ihre Dosimeter zu verwenden. Sie wurden daraufhin von der Arbeit freigestellt.

"Menschengemachtes Unglück"

Reaktor 3 des Atomkraftwerks Fukushima Dai-ichi nach dem Reaktorunfall

Im aktuellen Strahlentelex wird der Untersuchungsbericht des japanischen Parlaments über die Ursachen der Fukushima-Katastrophe vom 5. Juli 2012 ausführlich kommentiert. Die Kommission fand Belege dafür, dass sich die japanische Aufsichtsbehörde NISA mit den Betreibern von Atomkraftwerken ins Benehmen setzte, bevor sie neue Regulierungen erließ. Die NISA legte den Betreibern z.B. nahe, das Szenario eines kompletten Stromausfalls außer Betracht zu lassen, da die Wahrscheinlichkeit sehr gering und andere Sicherungsmechanismen vorhanden seien. Dann wurden die Betreiber gebeten, selbst einen Bericht zu verfassen, in dem dargelegt wurde, warum dieses Szenario zu vernachlässigen sei.

Strontium aus Fukushima in Japans Präfekturen

Ergebnisse der Falloutmessungen von Strontium-90 aus dem Reaktorunfall von Fukushima, Foto: Asahi Shimbun

Am 24. Juli 2012 veröffentliche das japanische Ministerium für Wissenschaft und Kultur erstmals Ergebnisse über Falloutmessungen von Strontium-90 aus dem Reaktorunfall von Fukushima in den Präfekturen Japans und der Stadt Tokyo. In den hauptsächlich in Mitleidenschaft gezogenen Präfekturen Fukushima und Miyagi war es bereits zuvor in größerem Maße gefunden worden. Die jetzt veröffentlichten Fundorte liegen vor allem in den Präfekturen Iwate, Akita, Yamagata, Ibaraki, Tochigi, Gumma, Saitama, Chiba und Kanagawa sowie in der Metropolenregion Tokio. An allen Fundorten wurden die Höchstwerte überschritten, die zwischen dem Jahr 2000 und der Zeit vor dem Unfall gemessen worden waren und auf den Fallout der Atombombentests zurückzuführen sind. (aus dem Strahlentelex Nr. 614/615/2012)

Sayonara Genpatsu

Immer mehr Menschen demonstrieren in Japan gegen die Atomenergie, hier in Tokio am 29.7.2012, Foto: Doro-Chiba Quake Report

Am 16. Juli 2012 versammelten sich 170.000 Menschen im Yoyogi-Park in Tokyo, um gegen die Wiederinbetriebnahme von Atomkraftwerken zu demonstrieren. Direkt nach dem Unfall in Fukushima waren alle 50 noch funktionsfähigen Atomkraftwerke in Japan abgeschaltet worden, doch nun droht die Wiederinbetriebnahme, nachdem Premierminister Yoshihiko Noda das Wiederanfahren von Reaktoren verkündet hat. Anfang Juli 2012 wurden die Reaktoren 3 und 4 des Atomkraftwerks in Ooi des Betreibers Kansai Electric Power gegen Widerstand aus der Bevölkerung wieder hochgefahren. (Aus Strahlentelex Nr. 614-615/2012)

Modellsimulation der Cäsium-Verteilung im Pazifik

Modellsimulation der Cäsium-Verteilung im Pazifik

Durch die Reaktorkatastrophe von Fukushima im März 2011 wurden große Mengen Radionuklide freigesetzt. Sie gelangten über die Atmosphäre und auch durch direkte Einleitung zu einem sehr großen Teil in den Pazifischen Ozean. Mit Hilfe von Computersimulationen haben Wissenschaftler des GEOMAR | Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel unter der Leitung von Professor Claus W. Böning am Beispiel des Cäsium-137 die langfristige Ausbreitung untersucht. Die Stoffausbreitung wird demnach nicht nur durch die Hauptströmung, den Kuroshio vor Japan, sondern maßgeblich auch durch intensive und stark veränderliche Wirbel geprägt. (Aus Strahlentelex Nr. 614-615/2012)