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IPPNW

Fukushima-Newsletter vom 11.10.2012

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde,

am 14. September 2012 gab die japanische Regierung ihren Beschluss bekannt, das letzte Atomkraftwerk bis zum Jahr 2040 abzuschalten und die Laufzeit der Atommeiler auf 40 Jahre zu begrenzen. Neue Atomkraftwerke sollten nach diesen Plänen nicht gebaut werden und Japan solle sich vom "Schnellen Brüter" verabschieden. Doch der Jubel über diese Meldung war verfrüht, denn in Japan sind vorgezogene Neuwahlen angesagt. Bereits eine Woche später war klar, dass der japanische Ausstiegsbeschluss unverbindlich ist und den Energieunternehmen zugesichert wird, dass alles nicht so ernst gewesen sei. Bestellen Sie ein Probeexemplar des aktuellen Strahlentelex und lesen Sie die Kommentierung von Thomas Dersee.

Mit freundlichen Grüßen

Angelika Wilmen

Gesundheit der Menschen in Fukushima hat Vorrang

Mädchen auf einem öffentlichen Platz in Fukushima-Stadt, wo ein Tanzfestival stattfand. IPPNW-Ärzte maßen Strahlenwerte von 0,7 Mikrosievert/ Std., während die Kinder barfuss tanzten.

Die Ärzteorganisation IPPNW appellierte am 14.9.2012 an die Bundesregierung, sich gegenüber UNSCEAR, dem wissenschaftlichen Komitee der UNO, und gegenüber der Weltgesundheitsorganisation WHO dafür einzusetzen, die medizinische Forschung über die Gesundheitsfolgen der atomaren Katastrophe von Fukushima erheblich auszuweiten. Die von UNSCEAR geplante Studie soll ausschließlich grobe Abschätzungen verschiedener japanischer und internationaler Experten berücksichtigen, aus denen dann die zu erwartenden Gesundheitseffekte theoretisch abgeleitet werden. Dringend notwendig sind jedoch unabhängige epidemiologische Studien sowie die baldige Einrichtung eines umfassenden Registers, in dem alle Menschen erfasst werden, die aufgrund der Katastrophe von Fukushima vermutlich mehr als 1 mSv Strahlung durch unterschiedliche Quellen ausgesetzt waren.  mehr

Erster Fall von Schilddrüsenkrebs entdeckt

Schilddrüsenuntersuchung bei einem japanischen Mädchen, Foto: ‏@jyusin121, Twitter

Wataru Iwata (CRMS, Fukushima), Nadine Ribault und Thierry Ribault berichteten kommentierend über die öffentliche Vorstellung der Ergebnisse des Schilddrüsenscreenings aus der Präfektur Fukushima. Shunichi Yamashita, Prorektor der Medizinischen Hochschule Fukushima, oberster Gesundheitsberater der Präfektur und oberster Leiter aller Reihenuntersuchungen und Studien nach dem Reaktorunfall, gab auf dieser Veranstaltung am 11. September 2012 bekannt, dass ein erster Fall von Schilddrüsenkrebs gefunden worden sei. Alter und Geschlecht des erkrankten Kindes wurden nicht mitgeteilt. Insgesamt haben bereits 43,7 Prozent von mehr als 42.000 untersuchten Kindern aus Fukushima-Stadt Veränderungen (Knoten und Zysten) an der Schilddrüse. Zuvor war noch von 36,1 Prozent berichtet worden. Knoten und Zysten in Schilddrüsen von Kindern treten normalerweise nur äußerst selten auf.

Appell: Ausbildung aller Kinder in sicherer Umgebung

Viele schulpflichtige Kinder in der Präfektur Fukushima müssen in einem verstrahlten Umfeld die Schule besuchen. Ihre Familien sind aus verschiedenen, zum Teil finanziellen Gründen, nicht in der Lage, aus eigener Kraft in eine weniger verstrahlte Gegend umzuziehen. Laut japanischer Verfassung ist die Regierung aber dafür verantwortlich, „die Ausbildung aller Kinder in sicherer Umgebung“ zu gewährleisten. Im Juni 2011 klagten daher 14 schulpflichtige Kinder aus Koriyama gegen die Stadt ihr Recht auf Ausbildung in einer sicheren Umgebung ein. Das Bezirksgericht wies die Klage ab. Die Vertreter der Kinder legten Ende 2011 beim Oberlandesgericht in Sendai Widerspruch ein. Über diesen Widerspruch wird seit 1. Oktober verhandelt. In dem Verfahren werden Regierung und Gerichte aufgefordert, sofort zu handeln, um den Kindern in der Präfektur Fukushima weitere Schäden zu ersparen. Dazu ist eine Evakuierung aller dort lebenden Kinder erforderlich. Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, haben die Betroffenen einen Appell ins Leben gerufen.

Besonders starke Bodenbelastung in der Stadt Soma

Strontium-90 Fallout (Bq/m²) zum Zeitpunkt 13.1.2012, gefüllte Kreise: Beprobungspunkt/Messpunkt, Andreaskreuz: AKW Fukushima-Dai-ichi, Quelle: MEXT

Am 12. September 2012 veröffentlichte das japanische Ministerium für Education, Culture, Sports, Science and Technology (MEXT) erneut eine zusammenfassende Übersicht über die Bodenbelastungen mit Radiocäsium und Strontium seit der Reaktorenkatastrophe von Fukushima. Zuvor hatte es bereits frühere Übersichten über die Bodenbelastungen mit Plutonium und Strontium gegeben. Demnach schwanken die Verhältnisse Strontium-90 zu Cäsium-137 stark zwischen 1 zu 10 und 1 zu 1000. Das MEXT kommentiert dazu, in der Tendenz liege das Verhältnis Strontium-90 zu Cäsium-137 in dem auf dem Erdboden abgelagerten Fallout überwiegend bei 1 zu 1000. Mit einem Verhältnis von 1 zu 10 bei einem Strontium-90-Wert von 2400 Becquerel pro Quadratmeter wurde die größte Relation im Gebiet der Küstenstadt Soma gefunden, die sich etwa 40 Kilometer nördlich von den havarierten Reaktoren von Fukushima Dai-ichi befindet. 

Japan nach Fukushima

Seiichi Nakate

Als Japan vor eineinhalb Jahren von einem der schlimmsten Erdbeben seiner Geschichte heimgesucht wurde, wohnte Seiichi Nakate noch in der Region Fukushima, wo er bereits 1988 das "Netzwerk für den Atom-Ausstieg in Fukushima" mitbegründete. Im Mai 2011 rief er die Elterninitiative "Fukushima Netzwerk zum Schutz der Kinder vor Radioaktivität" ins Leben. Seiichi Nakate hielt am 23. September auf Einladung der IPPNW, der Gesellschaft für Strahlenschutz, dem Deutsch-Japanischen Friedensforum und Anti Atom Berlin einen Vortrag im Berliner Haus der Demokratie, auf der er die japanische Regierung stark kritisierte.

Kinderorchester in Soma

Kinderorchester in der japanischen Stadt Soma-City, Foto: El Sistema Japan

Die Menschen aus der Region Fukushima sind dem gleichen Schicksal ausgesetzt wie die Menschen von Hiroshima, Nagasaki und Tschernobyl. Die direkten Folgen sind jetzt schon spürbar: Depressionen und Angst vor der Zukunft nehmen zu. Die vielen Kinder, die bei diesem Unglück ihre Eltern verloren haben, sind zusätzlich bedroht durch Vernachlässigung und Gewalt, weil keine sozialen Netzwerke für sie da sind. Mit dem Erlös des IPPNW-Benefizkonzerts vom 16. September wird die IPPNW die Gründung eines Kinderorchesters in der Stadt Soma City in der Präfektur Fukushima – nahe der zerstörten Atomreaktoren – unterstützen. Die vor dem Ereignis blühende Stadt mit ihrem vielfältigen kulturellen Leben wurde in großen Teilen verwüstet und ist an vielen Stellen durch "hot spots" radioaktiv belastet. Dieses Orchester wird den Kindern – nach dem Vorbild des Venezuela-Musikprojekts "El Sistema" – ein neues Zuhause geben und ihnen ein Lichtblick in dieser düsteren Zeit sein.