Atomenergie-Newsletter vom 8. September 2025
Liebe Freundinnen und Freunde,
durch den Klimawandel in ihrer Population wachsende Meeresbewohner – Quallen – drohten, die Kühlwasserversorgung des AKW Paluel in der Normandie zu verstopfen. Es musste daher Anfang September teilweise abgeschaltet werden. Dies ist nicht der erste Fall dieser Art, bei dem die mangelnde Klimaresilienz von meerwassergekühlten Atomkraftwerken offensichtlich wird.
Hierzulande werden unterdessen die Langzeitfolgen der Atomenergie sichtbar: Die aktuelle Genehmigung für das Atommüll-Zwischenlager in Ahaus endet 2036, ein Endlager ist nicht in Sicht – und dennoch sollen weitere Castoren anrollen, unter anderem aus dem rund 700 Kilometer entfernten Forschungsreaktor in Garching bei München. Diese Transporte sind besonders brisant, da sie mehrere Kilogramm Uran mit einem waffenfähigen Anreicherungsgrad von 87 % U-235 enthalten. Rafael Grossi, der Generaldirektor der Internationalen Atomenergieorganisation, warnt derweil vor einer Welt mit 20 bis 25 atomar bewaffneten Staaten. Welche Rolle die zivilen Sektoren der Atomindustrie bei der nuklearen Bewaffnung spielen, ist unter anderem Thema dieser Newsletter-Ausgabe.
Interessante Lektüre wünscht
Patrick Schukalla
IPPNW-Referent für Atomausstieg, Energiewende und Klima
Die Entwicklung der Atomenergie begann militärisch. Es folgte eine Phase der Parallelentwicklung, in der auch die Stromerzeugung eine Rolle spielte. Zur langfristigen Aufrechterhaltung und Fortentwicklung ihrer Atomwaffenarsenale verfügen die fünf großen Atomwaffenstaaten über ein komplexes System einer zivil und militärisch genutzten, eng miteinander verwobenen Atomindustrie. Zwar muss nicht jedes Atomenergieprogramm zwangsläufig in der Bombe münden. Doch jede Atomanlage kann einen Schritt auf dem Weg zur Nuklearwaffe darstellen. Warum eine langfristig effektive nukleare Abrüstung auch den Ausstieg aus der Atomstromproduktion braucht, und welche Kronzeugen es dafür gibt, ist hier zu lesen.
Eine neue Studie des Trinationalen Atomschutzverbands (TRAS), an der Angelika Claußen, IPPNW-Vorsitzende, mitgearbeitet hat, kommt zu dem alarmierenden Ergebnis, dass ein schwerer Unfall in einem Schweizer AKW Deutschland härter treffen würde als die Schweiz. Die Studie kann im IPPNW-Shop kostenlos heruntergeladen oder gegen Übernahme der Versandkosten nach Hause bestellt werden. Gemeinsam mit .ausgestrahlt und dem Baden-Württembergischen BUND-Landesverband stellt die IPPNW die Studie am 7. Oktober in Stuttgart vor.
Die gegenseitige Abhängigkeit von ziviler Atomenergie und Atomwaffen als Motivator für die aufwendige Aufrechterhaltung teurer und gefährlicher Atomindustrien ist ein Faktor, der in der energiepolitischen Debatte zu wenig beachtet wird. In Frankreich ist die Abhängigkeit von Materialflüssen aus zivilen Reaktoren, wie sie in vielen Atomwaffenstaaten gängige Praxis war und ist, im Fall des für moderne Atomwaffen regelmäßig zu erneuernden radioaktiven Wasserstoffisotops Tritium von besonderer Aktualität. Doch das TRIDENT-Vorhaben der französischen Regierung wirft Fragen auf.
Aus guten Gründen hatte die Weltbank lange Zeit die Finanzierung von Atomkraft ausgeschlossen. Im Juni 2025 änderte sie ihre Politik und ist nun bereit, die Laufzeitverlängerung bestehender AKW sowie die Entwicklung kommerzieller kleiner modularer Reaktoren (SMR) zu fördern. Die Asiatische Entwicklungsbank erwägt, dieser Entscheidung zu folgen. Gemeinsam mit vielen anderen ruft die internationale IPPNW dazu auf, ein Zeichen zu setzen: Unterschreibe die Petition gegen die Unterstützung von Atomenergie durch internationale Entwicklungsbanken!
Im März 2026 jährt sich die Atomkatastrophe von Fukushima zum 15. Mal – und im April liegt der Super-GAU von Tschernobyl 40 Jahre zurück. Zu diesen Anlässen plant der Arbeitskreis Atomenergie der IPPNW einen Kongress, der sich den bis heute anhaltenden, teils verheerenden Folgen der beiden größten Atomunfälle der Geschichte widmen wird. Darüber hinaus wird er einen kritischen Blick auf eine Auswahl relevanter Gegenwarts- und Zukunftsthemen der Atomenergie werfen. Ankündigungen und das Programm folgen!
Veranstaltungsreihe der IPPNW: „Niedrigstrahlung und deren Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit”, online bei der Ärztekammer Hamburg – Infos und Anmeldung:
4. November 2025: Studienergebnisse zu Niedrigstrahlenschäden bei Menschen rund um Atomanlagen, Atomwaffentestgebiete, Fukushima, Tschernobyl und Uranminen - Dr. med. Alexander Rosen
18. November 2025: Biologische Grundlagen und Epidemiologie von Gesundheitsschäden durch ionisierende Niedrigstrahlung - Prof. Dr. med. Alfred Böcking
25. November 2025: Neues aus der Epidemiologie der Gesundheitsrisiken durch niedrige Strahlendosen - Prof. Dr. med. Wolfgang Hoffmann