Atomenergie-Newsletter vom 10. Juli 2026
Liebe Freundinnen und Freunde,
in den vergangenen Monaten gab es erneute Angriffe auf das AKW Saporischschja sowie einen Angriff, der schwere Schäden am zentralen Atommülllager für hochaktive Abfälle in der Sperrzone von Tschernobyl verursachte. Dennoch steht die Entscheidung über den Antrag auf Produktionserweiterung der Brennelementefabrik in Lingen in Zusammenarbeit mit Rosatom weiterhin aus. Jüngst wandten sich IPPNW-Mitglieder aus Niedersachsen mit einer klaren Forderung an ihren Umweltminister: Lehnen Sie die geplante Produktionserweiterung ab!
Derweil setzen sich Engagierte aus dem Gesundheitswesen in Süddeutschland gegen den Überzeitbetrieb der Schweizer Atomanlagen ein. Während hierzulande einige eine Wiederinbetriebnahme der letzten deutschen AKW fordern und im Bereich der SMR „den Anschluss nicht verpassen wollen“, stellen wir uns auch auf internationaler Ebene weiterhin argumentativ gegen die Darstellung der Atomenergie als Klimaretterin.
Die Dokumentation der IPPNW-Tagung zum 15. Jahrestag der Atomkatastrophe von Fukushima und 40 Jahren Tschernobyl ist online abrufbar.
Angeregte Lektüre wünscht
Patrick Schukalla,
IPPNW-Referent für Atomausstieg, Energiewende und Klima
In ihrem neuen Report „Debt, Delays, Dependencies“ kritisieren die Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen Urgewald und Ecodefense die Entscheidung der Weltbankgruppe und der Asiatischen Entwicklungsbank, künftig in Atomenergieprojekte zu investieren. Multilaterale Entwicklungsbanken spielen eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung globaler Investitionen. Daher gilt es, diesen Entwicklungen im Sinne einer Welt frei von atomaren Gefahren entschieden zu widersprechen. Deutschland ist nach Kapital- und Stimmrechtsanteilen der viertgrößte Anteilseigner der Weltbank. 30 NGOs, darunter die IPPNW, unterstützen den Report.
Die zwei größten von Menschen verursachten und somit vermeidbaren Bedrohungen unserer Zeit sind die eskalierende Klimakrise und die Gefahr eines Atomkriegs. Als Ärzt*innen und Angehörige des Gesundheitswesens liegt uns der Schutz aller Menschen vor vermeidbaren Gefahren besonders am Herzen. Deshalb engagieren wir uns für eine klimagerechte und friedliche Welt frei von atomaren Bedrohungen. Weltweit steigende Rüstungsausgaben bedeuten mehr Treibhausgasemissionen. Wer unterdessen die Atomenergie als Lösung der Krise preist, irrt gewaltig. Ein Kommentar der IPPNW-Vorsitzenden Dr. med. Angelika Claußen zur Rolle der IPPNW als zivilgesellschaftliche Beobachterorganisation bei den UN-Klimaverhandlungen.
Die zivile und militärische Nutzung der Atomenergie sind eng miteinander verknüpft. Der URENCO-Konzern, der unter anderem im westfälischen Gronau eine Urananreicherungsanlage betreibt, soll künftig Kernbrennstoff für die Antriebsreaktoren britischer Atom-U-Boote herstellen. Diese Boote sind auch mit Atomwaffen bestückt. Die niederländische Regierung hat das dortige Parlament erst vor wenigen Tagen über eine entsprechende Anfrage der britischen Regierung aus dem November 2024 informiert und ihre Zustimmung verkündet. Seitens der Bundesregierung liegt dazu noch keine öffentliche Stellungnahme vor. Ein Beitrag von Dirk Seifert.
Seit geraumer Zeit werden sogenannte Small Modular Reactors (SMR) von Befürworter*innen als die Zukunft der Atomenergie beschrieben. Im März 2026 hat die Europäische Kommission eine SMR-Strategie vorgelegt. Auch in Deutschland gewinnt die Debatte über eine mögliche Renaissance der Atomenergie in Teilen der Politik wieder an Sichtbarkeit. Diese Entwicklungen sind Thema einer Tagung des Fachportals Atommüllreport am 20. November 2026 von 11 bis 16:30 Uhr im Pavillon am Raschplatz in Hannover.